Nachruf auf Otto Pöggeler

1963 erschien bei Günther Neske in Pfullingen ein Buch, das wie kaum eines zuvor dazu angetan war, den Horizont der Heidegger-Lesegemeinde zu erweitern: Der Denkweg Martin Heideggers. Autor war der damals 35jährige Otto Pöggeler (geboren am 12. Dezember 1928 in Attendorn/Nordrhein-Westfalen); er wurde im selben Jahr Herausgeber der neu begründeten Hegel-Studien. 1955 hatte er bei Johannes Hoffmeister seine Doktorarbeit über „Hegels Kritik der Romantik“ abgeschlossen, „Hegels Jugendschriften und die Idee einer Phänomenologie des Geistes“ waren Thema der Habilitation bei Hans-Georg Gadamer (1964/65; Teile 1973 unter dem Titel Hegels Idee einer Phänomenologie des Geistes veröffentlicht). Seit 1968 war Pöggeler Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und leitete das dortige Hegel-Archiv.

Der Denkweg – bald in zahlreiche europäische und außereuropäische Sprachen übersetzt und im Übrigen „ursprünglich auf Anforderung hin für japanische Leser geschrieben“ (so Pöggeler in seinem 2011 erschienenen Lebensbericht) – belebte insofern die Heidegger-Forschung, als sein Autor nicht nur eine erste Zusammenschau der damals vorliegenden Schriften Heideggers bot, sondern darüber hinaus mit Heideggers Billigung aus unveröffentlichten Arbeiten zitierte; sein Lebensbericht lässt die Umstände der Entstehung des Denkwegs wieder aufleben. Man sollte sich auch vergegenwärtigen, dass es die Gesamtausgabe damals noch nicht gab (sie begann, wie erinnerlich, 1975 mit der Herausgabe der Vorlesung Die Grundprobleme der Phänomenologie durch Friedrich-Wilhelm von Herrmann), weshalb Pöggelers Buch eine einzigartige Orientierungshilfe für ein vertieftes Heidegger-Studium bot.

Hegel und vor allem Heidegger waren auch später jene Philosophen, denen Pöggelers Arbeiten im besonderen Maße galten; in Verbindung damit ergaben sich Fragen der hermeneutischen Philosophie. Nur einige der einschlägigen Bücher seien genannt: Neue Wege mit Heidegger (Freiburg/München 1992), Schritte zu einer hermeneutischen Philosophie (Freiburg/München 1994), Philosophie und hermeneutische Theologie. Heidegger, Bultmann und die Folgen (München 2009), schließlich der schon erwähnte Rückblick Wege in schwieriger Zeit. Ein Lebensbericht (München 2011).

Außerordentlich wichtig war für Pöggeler die Auseinandersetzung mit Werken der Kunst, wobei namentlich an seine auch durch persönliche Freundschaft bestimmte Nähe zu Paul Celan zu erinnern ist. Diesem gelten die Bücher Lyrik als Sprache unserer Zeit? Paul Celans Gedichtbände (Opladen, Wiesbaden 1998) und Der Stein hinterm Aug. Studien zu Celans Gedichten (München 2000), auf ihn und seine Frau – selbst eine bedeutende Zeichnerin und Grafikerin – bezieht sich die Studie Wort und Bild. Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange (in: Sprache und Literatur 33 [2002] 3-42).

Das Feld der Literatur wurde durch die wirkungsgeschichtlich hochbedeutsame Arbeit Schicksal und Geschichte. Antigone im Spiegel der Deutungen und Gestaltungen seit Hegel und Hölderlin (München 2004) bereichert, den Schritt zur Bildenden Kunst tat Pöggeler mit Bild und Technik. Heidegger, Klee und die moderne Kunst (München 2002).

Keinen literarischen Niederschlag fanden andere Interessen: Pöggelers Liebe zur Musik und im Besonderen zum Orgelspiel, seine Zuwendung zur Architektur. Pläne, auch darüber zu schreiben, gab es, sie wurden aber wohl nicht mehr verwirklicht.

Zuletzt ist Die Vielstimmigkeit der Philosophie (München 2012) erschienen. Der Name „Vielstimmigkeit“ mag besonders geeignet sein, die Weite und den Reichtum der Interessen Pöggelers und deren literarischen Niederschlag zu charakterisieren. Wieder erinnert er an Celan, aber auch an seine Lehrer in philosophicis: Erich Rothacker, Oskar Becker, Hans-Georg Gadamer – und Martin Heidegger.

Am Ende seines letzten Buches schreibt Pöggeler: „Vielleicht ist es möglich, dass bei mir am Grab ein paar Worte gesprochen werden, durch die mein Leben geprägt worden ist. Diese Worte mögen die alttestamentliche Prophetie mit der tragischen Dichtung der Griechen verbinden und diese Verbindung von Hölderlin her sehen.“ Auf seiner Parte stehen die ersten Zeilen aus Jesaja 60: „Mache dich auf (Jerusalem), werde licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

Am 10. Dezember 2014 ist mit Otto Pöggeler ein liebenswürdiger Mensch und einer der großen Heidegger-Interpreten von uns gegangen. ἐπάμεροι· τί δέ τις; τί δ’ οὔ τις; σκιᾶς ὄναρ / ἄνθρωπος. ἀλλ’ ὅταν αἴγλα διόσδοτος ἔλθῃ, / λαμπρὸν φέγγος ἔπεστιν ἀνδρῶν καὶ μείλιχος αἴων. (Pindar, VIII. Pythische Ode, Verse 95-97)

Helmuth Vetter
(Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft)